Lehm

Bauen mit Lehm

Tradition und Moderne

Im Laufe der Menschheitsgeschichte war Lehm der Baustoff der Hütten, nicht der Paläste. Erst in Zeiten von Leichtbauwänden, die in Windeseile zusammengeschraubt werden können, erscheinen Lehmwände als exquisit. Die Materialeigenschaften sind dieselben wie vor hunderten von Jahren. Lehmwände vermitteln eine bodenständige Natürlichkeit, die das heutige Bauen oftmals vermissen lässt. Gut verarbeitet, erreicht Lehm eine Hochwertigkeit, welche sich von der Masse der üblichen Baustoffe abhebt. Zweifelsohne fordert Lehm in der Beschaffung und bei der Verarbeitung einen besonderen finanziellen Einsatz. Legen Sie selbst beim Bau mit Hand an, können diese Mehrkosten unter Umständen kompensiert werden.

Das Bauen mit Lehm steht exemplarisch für die wichtigste Frage, mit der sich unser Büro während der Planung auseinandersetzt: Wie wollen Sie wohnen und wie passen diese Träume mit Ihren finanziellen Möglichkeiten und der Bauzeit zusammen? Es ist häufig eine Herausforderung, diese Positionen anhand einer funktionierenden Kostentabelle in Einklang zu bringen.

Wenn der Bau Ihres Hauses kein Stückwerk, sondern ein Werkstück, ein Teil Ihres Lebens werden soll, dann betrachten Sie ihn wie den Baustoff Lehm, der seine Zeit braucht.

Lehmbau und Formenvielfalt

Mit Lehm zu bauen, ist nicht einfach und nicht jeder traut sich an das Material heran. Einige Literatur (www.lehmbaukontor.de) erleichtert den Zugang. Information ist auch hier alles. Wir geben diese gern im Büro während der Planungsphase und bieten auch Baustellenseminare mit professioneller Anleitung an – teils auf eigenen Baustellen, teils in Kooperation mit befreundeten Unternehmen (z.B. www.arcana-baugesellschaft.de) oder der Europäischen Bildungsstätte Lehmbau (www.fal.de) oder dann auf Ihrer zukünftigen Baustelle.

Fast all unsere Bauvorhaben spiegeln den Einsatz von Lehm in irgendeiner Weise wider, vom Gewerberaumausbau über den Einfamilienhausbau bis hin zur Sanierung von gründerzeitlichen Mehrfamilienwohnhäusern.
Dabei entstanden spannende Konstruktionen: gerade und geschwungene, verputzte und unverputzte Wände, Stampflehm- und Fachwerkbauteile. Die Bauherrenwünsche und Möglichkeiten sind vielfältig: Die einen möchten ein sichtbares Holztragwerk mit Lehmausfachungen, die anderen wünschen sich eine spiegelglatte weiße Wand, optisch nicht zu unterscheiden von einer Gipskartonwand. Lehm ist individuell einsetzbar.

Die Eigenschaften sind einzigartig

Lehm ist sehr diffusions- und sorptionsfähig und erträgt dadurch Taupunktunterschreitungen sehr geduldig. Mit der herausragenden Eigenschaft der schnellen Feuchteaufnahme und langsamen -abgabe kann bestenfalls ein Kalkputz konkurrieren. Großflächig aufgetragen, sorgt Lehm in einem Bad schon bei normaler Putzstärke dafür, dass selbst beim Duschen kein Spiegel mehr beschlägt. In funktionierenden Fachwerkkonstruktionen mit geeignetem Schlagregenschutz bewahrt er das angrenzende Holz vor größeren Auffeuchtungen und verringert die Gefahr des Insekten- oder Pilzbefalls.
Lehm ist kein totes Material. Seine Bindekräfte können jederzeit reaktiviert werden. Während andere Baustoffe nach ihrem Rückbau als Sondermüll eingestuft werden, bleibt Lehm nahezu unbegrenzt wiederverwendbar. Lehmoberflächen können auch nach Jahrzehnten noch leicht und schnell repariert werden.

Wärmestrahlung, Wärmeschutz und Wärmespeicherung von Lehmbaustoffen hängt wie bei anderen Baustoffen vom Gewicht ab, welches bei Lehm durch seine Zuschläge bestimmt wird. Leichtlehm ist zum Beispiel eine hervorragende Innendämmung vor schweren Lehmausfachungen von Fachwerkhäusern oder Feldsteinwänden.

Unabhängig von den vielen am Markt erhältlichen Produkten und deren Vorzügen ist es bei günstigen Bodenverhältnissen möglich, aus dem Grubenlehm des Aushubs einer Baugrube jegliche Mischungen für den Einsatz am Objekt herzustellen. Es bleibt, wie eingangs beschrieben, eine Frage von Zeit, Geld, Vertrauen unter den Baubeteiligten und dem Willen, eigene Erfahrungen machen zu wollen.

Lehmöfen

Wie vielseitig Lehm ist, zeigt sich auch in seinem Einsatz beim Ofenbau. Einige unserer Häuser erhielten Grundöfen mit gemauerten Feuerräumen, nach Inkrafttreten der neuen Bundesimmissionsschutzverordnung keine leichte Bauaufgabe mehr. Die meisten Ofenbauer weichen auf „geprüfte“ Fertigteile aus. Wir arbeiten mit Ofenbauern zusammen, die ihre Feuerräume prüfen lassen, die Schornsteinzuglängen und -querschnitte computergestützt ermitteln und so weiterhin anpassbare Lösungen anbieten, um wunderschöne organisch oder kubisch geformte gemauerte Ofenkörper herzustellen.

Mit dem Lehmofenbauer Henning Rösener (www.lehmofen.de) wurden spannende Punkte der Öfen hinsichtlich Statik sowie Wärmeleitung diskutiert und die Gestaltung mit den Bauherren abgestimmt. In dieser Zusammenarbeit entstand z.B. in einer Behinderteneinrichtung unter der webcam und den Augen der Schüler ein Brotbackofen aus Altklinkern, Schamotte, Lehm und Kalk auf einer Betonbodenplatte, mit Gründach über einer Dämmschüttung aus Blähton-Lehm und mit umlaufenden Sitzbänken.

Zusammen mit Lehmbauinteressierten, Kindern und Jugendlichen entstanden vielerorts unter unserer Anleitung temporär Lehmöfen – phantasievolle Skulpturen auf Stadtplätzen und in Kinder- und Jugendeinrichtungen.

Lehmbauseminare und der Bau von Stampflehmwänden

Nichts ist besser, als selbst etwas auszuprobieren. Der Lehm und das Stroh, für unser Büro mehr als Nischenprodukte, verdienen aus der Schmuddel- und Bastelecke herausgehoben zu werden. Abgesehen von vielen Quadratmetern Putzfläche, deren Struktur von groben Reibeputzen bis zu Lehmglanzputzen und Tadelakt reicht, entstehen Backöfen jeglicher Form aus Lehm, Stampflehmwände und Strohballenhäuser. Dies geschieht innerhalb von Lehmkunstaktionen, wie in der Kirche Lindenhagen, auf dem Helmholzplatz oder in Projekten, wie der Khadija Moschee in Berlin-Pankow oder auch bei Strohballenbauaktionen, wie in Potsdam-Drewitz.

Diese Arbeit ist mehr als ein Hobby unseres Büros, ist mehr als ab und an vom Rechner wegzukommen. Sie führt viele Menschen an dieses fantastische Material heran, Mit Hilfe des Lehms und des Strohs schwindet Angst vorm Bauen, wächst die Lust am Experiment.

Mit dem Stampflehmbauer Jög Depta (www.lehmbauwerk.de) wurden bis 11,60 m hohe Wände erstellt. In zahlreichen Jugendfreizeiteinrichtungen und Einfamilienhäusern übernehmen Stampflehmwände Speicherfunktionen und Gestaltung.

Auch ungewöhnliche Anfragen fordern heraus. Manager eines großen Autokonzerns hatten sich entschlossen, statt auf Sightseeing-Tour in Berlin zu gehen, den freien Tag ihres Jahrestreffens in sozialen Projekten von Freien Trägern zuzubringen. Unter anderem bot ein Kinderbauernhof einen Tag der Mitarbeit an und organisierte drei Workshops, von denen einer die Errichtung eines Backofens aus Lehm zum Ziel hatte: Nichtsahnende Manager trafen auf gut vorbereitete Mitarbeiter des Kinderbauernhofs und einen Anleiter unseres Büros, in der Erzieherfachsprache „die vorbereitete Umgebung“. Das Ergebnis kann bei gutem Willen aller Beteiligten nur gut werden. Es wurde SEHR gut. Der Grund war die mitgebrachte soziale Kompetenz der Manager. Ein außergewöhnlicher Teamgeist glich die verschiedene Herkunft, Englisch als alleinige Verständigungssprache und fehlende fachliche Erfahrungen mit dem Material Lehm aus. Mittags war der Ofen fertig, am Nachmittag das Dach darüber und die Schrippen gebacken.

Lehm in einem Kieser-Trainings-Zentrum als Baumaterial einzusetzen, ist sinnvoll. Die feuchteregulierende Eigenschaft des Lehms wird genutzt. Die selbsttragende Stampflehmwand bietet hier die Abgrenzung der Eingangssituation vom Trainingsbereich. Der Eintretende spürt, daß tonnenschwere Stampfer das Material bearbeitet und in die Form gebracht haben. Assoziationen zu Werten wie Ursprünglichkeit, Einfachheit, Beständigkeit liegen nahe.